Presse

Antichrist

HENNING HÜBERT

SWR 2 am Morgen 18.02.19: Antichrist  – Theateradoption des Films von Lars von Trier am Theater Koblenz 

 

 

Überspielung nach Redigat ins SWR-Korri-Fach Sonntagabend 

 

Anmodinfo:

„Ein Kind stirbt. Es fällt aus dem Fenster seines Zimmers, während nebenan die Eltern miteinander schlafen. Traumatisiert zieht die Frau sich in sich selbst zurück. Der Mann, ein Therapeut, versucht die äußere Ordnung wiederherzustellen.“ So kündigt das Theater Koblenz die Adaption des Skandalfilms „Antichrist“ des dänischen Regisseurs Lars von Trier an. Auf einer Probebühne hat die junge Theaterregisseurin Pauline Beaulieu „Antichrist“ inszeniert. Das Zwei-Personen-Stück zeigt einen Albtraum: zwischen dem Tod des Kindes und dem Tod eines Elternteils. Henning Hübert hat die Premiere (Fr., 15.02.19) gesehen:

 

 

Keine 50 Zuschauer passen vor und neben die Probebühne 4, Sound kommt von allen Seiten, Videos werden eingespielt. So könnte schnell Intimität entstehen. Soll sie aber nicht. Stattdessen Verfremdungselemente: Sie, die Sexbesessene, räkelt sich in ihrem Negligee auf einem Haufen von Teppichen und grauem Malervlies. Über ihr: eine Malerfolie aus Plastik, die sie bedeckt und verschleiert. Und er, der immer rational argumentierende Mann und Therapeut, zeichnet im Zweifel lieber alles mit seiner Videokamera auf, anstatt sich auf ein echtes Gespräch einzulassen.

 

Tr. 110343, 09:22: Sie: Ich kann dich nicht ausstehen. Er: Wie geht es Dir? Sie: Ich kann dich nicht ausstehen. Ich kann dich nicht ausstehen, verdammt. Warum haben wir uns nicht scheiden lassen? Er: Wir können uns immer noch scheiden lassen, aber vielleicht nicht gerade jetzt. Wir müssen da jetzt durch, wir beide zusammen. Sie: Ich kann dich nicht ausstehen.“ – 09:44 

 

Klare Sätze, oft herausgeschrieen: Jana Gwosdek verkörpert das Leiden dieser namenlos bleibenden Frau. Sehend, wütend, zunehmend zitternd. Sie wirft ihrem Mann Kälte und Distanziertheit vor und prügelt auch. David Prosenc bleibt dagegen gefasst und immer ganz in der Rolle: Er, der Mann und Therapeut mit dem Macho-Motto: Ich weiß, was dir gut tut.

 

Anders als der Film von Lars von Trier beginnt der Theaterabend nicht mit der Gleichzeitigkeit vom Sex der Eltern und dem Tod des Kindes, das in die Tiefe stürzt. Regisseurin Pauline Beaulieu lässt das Zwei-Personen-Stück mit der Trauer der Eltern am Grab beginnen. Es dreht sich keine Waschmaschine wie im Film. Für das bisschen Haushalt steht auf der Koblenzer Bühne der Staubsauger. Er bedient ihn. Saugt damit das Bällebad weg, lauter apfelgrüne Plastikkugeln.

 

O-Ton Sie: Hilf mir. Er: Was sagst du bitte? Sie: Hilf mir. Er: Ja das versuch ich ja gerade.“ Alles über Staubsaugergeräusch.

 

 

Hilfloses Helfen mit den offensichtlich falschen Methoden. Während der Film in der echten, unheimlichen Natur spielt, ist auf der Theaterbühne von Ausstatterin Yvonne Leinfelder alles künstlich: Die abgestorbenen Äste sind umwickelt von grauem Vlies. Das Gras ist so unecht wie das mancher Osternester. Wenn ein Rabe auftaucht, dann als Motiv auf dem Babyschlafsack. Die Rückzugs-Hütte der beiden ist auf der Koblenzer Theaterbühne ein Hochsitz mit Laufgitter – ein Babybett auf Stelzen. Er und sie verhüllen oder entblättern sich dort oben, ganz nackt sind sie aber nie. Auch ihre Schuhe wechseln sie: Gehen mal barfuß, mal in roten High Heels, mal in Gummistiefeln. Die Schuhe und der Obduktionsbericht des Kindes geraten zum Schlüssel des Stücks:

 

O-Ton Sie: „Die einzige Abnormität des Opfers ist eine leichte, bereits ältere Deformation der Fußknochen. Wir erachten diese als unwichtig.“

 

Nicht aber Regisseurin Pauline Beaulieu. Was verhindert freie Bewegung in der Natur? Warum springt ein Kind heute eher in Gummistiefeln als barfuß in Pfützen? Ob das Leben eine einzige Entfremdung ist, darüber kann man lange nachdenken, während das Paar Teppiche aufrollt, Schicht um Schicht seines Familienlebens frei legt. Was den Albtraum nur verlängert und die Schuldfrage am Tod des Kindes nicht eindeutig klärt. Ein unheimlicher Theaterabend mit starker Symbolik, surrealem Sound und überzeugenden Schauspielern. Der Koblenzer Antichrist endet mit ihrem gewaltsamen Tod durch ihn, mitten im Stoffberg. Aus dem gibt’s einfach kein Entrinnen.

Abmodinfo:

Weitere Vorstellungen: 21./ 23./ 28. Februar; 2./ 6./ 7. März

Fotos auf: www.theater-koblenz.de

Ode an die Ordnung

Fernsehbeitrag NDR-Nordmagazin

Spiele mit dem Unbehagen der Geschichte - Ostsee Zeitung

Das Theater Vorpommern macht Camus’ „Die Gerechten“ zum Hauptstück seines Spektakels „Ordnung und Widerstand

 

(...) Doch vorher sehen die Besucher, die bei der Premiere am Samstag in Greifswald bei weitem nicht saalfüllend erschienen waren, eines von vier parallelen Vorspielen. Als Versuchsanordnungen aus dem Absurdistan der Gegenwart stellen sie „Ordnungen“ in Frage und thematisieren Unbehagen, weniger „Widerstand“.

So klang es zunächst zaghaft, als Zuschauer am Ende des Vorspiels „Televisator“ von Maikel Drexler und Konrad Kolodziej, einer Uraufführung der Berliner Schauspielhochschule „Ernst Busch“, Einwände hatten: „Aber wir müssen doch protestieren können.“ Zuvor hatten die Besucher an Basteltischen eine „Planstadt“ Leeskow an der Elde errichtet - als ihr ganz persönliches Heim, wie die Fernseh-Ansager im Marketing-Sound säuselten. Das Projekt wurde weiterverkauft, ohne dass die Produzenten Rechte an ihrem Produkt hätten.

„Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz (mit Melinda Sanchez, Alexander Frank Zieglarski, Erwin Bröderbauer und Frederike Duggen) beleuchtet mediale Selbstvermarktung und beschreibt, wie „normale“

Menschen beim Sog kleiner Gewinnerwartungen sich deformieren: Hier auch das eigene Kind, dessen Entwicklung ein Paar auf Videos anfangs dokumentiert und allmählich, den Wünschen der Subskribenten folgend, in manipulierten Situationen subtil misshandelt.

„Zwei Männer ganz nackt“ von Sebastian Thiéry mit Jan Bernhardt, Ronny Winter und Maria Steurich löst mit dem Erwachen zweier nackter Rechtsanwälte in einem Bett eine Ehekrise aus.

Und das Vorspiel „Ode an die Ordnung“ von Sebastian Undisz und Pauline Beaulieu spürt mit Schauspielern und einem „Chor der Angestellten der Agentur für Ordnung“ dem Klang von Ordnungen, Chaos oder Bürokratie nach.

(...)

Ostsee-Zeitung, 28.5.2018 - Von Dietrich Pätzold

Am Ende kommt es darauf an,                                                 wer die Maschinengewehre hat.

Was am Mittwoch in der Jacobikirche Stralsund gezeigt wurde, war große Schauspielkunst. 

 

" Monodramen (4) hatte Premiere mit zwei Stücken, die als grandiose politische Kunst die Ungerechtigkeiten dieser Welt thematisierten.
(...) Nicht weniger provozierend war das zweite Stück der gut zwei Stunden Spielzeit: "Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat" nach Texten aus "Mitleid" von Milo Rau, inszeniert von Pauline Beaulieu. Ein bildgewaltiges, Körper betontes Stück, indem Frederike Duggen von der globalisierten Welt als Ort der Ungerechtigkeiten erzählt. Ihr Bericht über das Elend der Syrer auf ihrer Flucht nach Europa und den Genozid in Ruanda enthält sowohl mediale als auch autobiographische Versatzstücke. Mit schwarz beschmiertem Gesicht schleppt Duggen Holzpaletten umher und rennt auf der Bühne umher. Eine Getriebene, die von der Tatsache, dass die Menschheit um Kriege und Völkermorde weiß und trotzdem nichts ändert, fast zerrissen wird. Zwei großartige Monodramen, die es sich lohnt, anzusehen!"

 

von Annemarie Bierstedt - Ostsee-Zeitung, 27.04.2017

Die Gerechten

Ella Gaiser als Dora und Ilja Niederkirchner als Stepan. Foto: Joachim Dette
Ella Gaiser als Dora und Ilja Niederkirchner als Stepan. Foto: Joachim Dette

Albert Camus‘ „Die Gerechten“: Jenaer Stück erzählt vom Innenleben einer Terrorzelle

 

 

... Doch die Inszenierung von Pauline Beaulieu, die am Mittwoch im Jenaer Kassablanca Premiere hatte, erinnert kaum an dieses Ereignis. Vielmehr könnte die Truppe ein Abbild jedweder Terrorgruppe sein. Ob politisch oder religiös motiviert, der Fanatismus, die sektenähnlichen Gebaren, einzelne Kampflosungen, aber auch Streit und Angst sind wohl überall anzutreffen. Für eine Idee zu sterben, sei die Möglichkeit, sich dieser Idee würdig zu erweisen, lautet sinngemäß eine der fragwürdigen Losungen. Eine andere: Ich töte nicht ihn, sondern die Ungerechtigkeit. Eine dritte: Ich habe beschlossen zu töten, damit das Morden ein Ende hat. ... Ulrike Merkel 07.10.16 ZGT

Download
"Die Gerechten erzählt vom Innenleben einer Terrorzelle" von Ulrike Merkel OTZ 2016
Die Gerechten OTZ.pdf
Adobe Acrobat Dokument 409.6 KB
Schauspielerin Ella Gaiser ist in "Die Gerechten" als Dora zu erleben. Foto: Jördis Bachmann
Schauspielerin Ella Gaiser ist in "Die Gerechten" als Dora zu erleben. Foto: Jördis Bachmann

 

 

Im Zentrum des Terrors: Theaterhaus Jena startet mit Camus-Drama in die neue Saison

 

"Ungewöhnlich und intensiv: Die Eröffnung der neuen Theaterhausspielzeit wird erstmals im Kassablanca gefeiert – mit der Premiere von Albert Camus‘ Drama „Die Gerechten“.

Die französische Gastregisseurin Pauline Beaulieu inszenierte für das Jenaer Theaterhaus Albert Camus‘ Drama "Die Gerechten". 

....

Bereits in der vergangenen Spielzeit bewies die Regisseurin mit "Haus des Schlafes" ein außergewöhnliches Gespür für die Feinheiten emotionaler Tiefen, die sie ebenso außergewöhnlich zu inszenieren versteht. ..." Jördis Bachmann 05.10.16 OTZ

 

Download
Im Zentrum des Terrors: Theaterhaus Jena startet mit Camus-Drama in die neue Saison, Jördis Bachmann 2016
Artikel Gerechten-Bachmann.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.2 MB

Mnemo/scene : Echos

"Klang schafft Leben"

Jeder Raum der Gewölbe im Einstein Kultur wurde für "Mnemo/scene: Echos" anders gestaltet - das Baugerüst wurde als Perkussionsinstrument genutzt. (Foto: Franz Kimmel)
Jeder Raum der Gewölbe im Einstein Kultur wurde für "Mnemo/scene: Echos" anders gestaltet - das Baugerüst wurde als Perkussionsinstrument genutzt. (Foto: Franz Kimmel)

"...Unter diesen Voraussetzungen ist die Biennale - Produktion "Mnemo/scene:Echos" besonders. Komponistin Stephanie Haensler und Regisseurin Pauline Beaulieu haben mit diesem Projekt ein Musiktheater par excellence geschaffen, das dennoch mit dem, was man sich gemeinhin unter Oper vorstellt, nichts gemein hat...." Von Rita Argauer

©SZ vom 06.06.2016

Download
"Klang schafft Leben" von Rita Aargauer - Süddeutsche Zeitung 2016
Kritik Holy_Mnemo, SZ, Kultur, 6.6.2016.
Adobe Acrobat Dokument 887.1 KB

"Labor mit Verbesserungs-Potenzial"

Katrin Schafitel in Mnemo/scene: Echos - Bildquelle: © Franz Kimmel
Katrin Schafitel in Mnemo/scene: Echos - Bildquelle: © Franz Kimmel

"... Jörn Florian Fuchs: Es waren weniger die großen Produktion, das Kleinere war spannend, die installativen Projekte. Zum Beispiel "Mnemo/scenes: Echos", das sich auf ein Stück von Schumann bezieht. ..."

 

 

Das Gespräch für BR-KLASSIK mit Jörn Florian Fuchs führte Sylvia Schreiber.

Download
"Labor mit Verbesserungs-Potenzial" - Gespräch für BR Klassik mit Jörn Florian Fuchs - 2016
Resümee, Sweat_Mnemo_Für immer_Speere_Ha
Adobe Acrobat Dokument 259.1 KB

Die Regisseurin Pauline Beaulieu und die Komponistin Stephanie Haensler formen auf vielschichtige Weise individuelle Erfahrungen des "sich Erinnerns". In konkreten und imaginären Räumen entsteht eine Begegnung und Berührung von Musik, Installation und Inszenierung.

Bayerischer Rundfunk: http://www.br.de

Autor: Stefan Brainbauer

Das Haus des Schlafes

Download
Obsession in Watte gepackt - ein Abend wie ein Traum - TLZ - Jördis Bachmann - 2016
Kritik TLZ Haus des Schlafes.jpg
JPG Bild 2.0 MB

Tom auf dem Lande

Download
Ein Tor zum deutschsprachigen Theater von Rainer Petto Saarbrücken, 17.-Nachtkritik 2011
Kritik Primeurs – Die 5. Ausgabe des Fes
Adobe Acrobat Dokument 260.0 KB

Troerinnen

Download
"Gewalt ist zeitlos" von Horst Rödiger - Nachtkritik 2011
Nachtkritik Troerinnen.pdf
Adobe Acrobat Dokument 225.2 KB

Europa(s)

Download
"Traum und Albtraum" von Horst Rüdiger - Nachtkritik 2010
Nachtkritik Europa(s).pdf
Adobe Acrobat Dokument 335.8 KB